Alles fließt – Gedanken zum neuen BAP-Album

Foto: Pixabay

Das neue BAP-Album „Alles fließt“ endet mit einem von Heinrich Böll selbst gelesenen Ausschnitt aus dessen „Ansichten eines Clowns“. Allein schon deshalb wäre diese Platte für mich etwas Besonderes. Denn dieser Roman war das allererste Buch, das ich mir in der Buchhandlung unserer Stadt von meinem Taschengeld selbst gekauft habe. Auf Böll war ich aufmerksam geworden, weil uns ein Lehrer meiner Schule in einer Vertretungsstunde die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ vorgelesen und anschließend mit uns darüber gesprochen hatte. Dass diese improvisierte Stunde für mindestens einen der dreißig Schüler dieser sechsten Klasse eine der prägendsten der gesamten Schulzeit sein sollte, hätte sich der Kollege an diesem Vormittag wohl kaum träumen lassen. Aber dieser Böll hatte mich mit seiner Geschichte gepackt. Und der Lehrer, der unsere Klasse nicht kannte und den wir nicht kannten, hatte mich wohl auch mit seiner eigenen Begeisterung für den Text gepackt. Derart angefixt ging ich also in die Stadt, um mir von diesem Böll ein Buch zu besorgen. Es wundert mich heute nicht, dass meine Wahl auf das Buch fiel, auf dessen Cover ein Typ mit Gitarre zu sehen ist, auf einer Treppe sitzend, den Kopf auf die Schulter gelegt.

Unterlegt ist die kurze Textpassage aus dem „Clown“ mit rauschenden Wellen und schreienden Möwen. Und erinnert damit – ob gewollt oder nicht – an das wunderschöne „Fuhl am Strand“ vom 81er Album, mit dem meine Liebe zu BAP ihren Anfang nahm. „Südstadt, verzäll nix“, „Jupp“, „Jraaduss“ – wie oft habe ich die „Für usszeschnigge“ auf meinem Bruns-Plattenspieler gewendet und diese Lieder gehört und verinnerlicht. Und natürlich „Verdamp lang her“, das ich selbst unzählige Male mit meiner Coverband auf Volks-, Betriebs- und Stadtfesten zwischen Aachen und Bonn gesungen habe. Wenn man so will, als Niedecken und Major in Personalunion. Und wenn das feiernde Bierzelt den Gesang exakt wie auf dem genialen Live-Album „Bess demnähx“ (1982) übernahm, fühlten wir uns ein bisschen wie BAP höchstpersönlich, obwohl wir uns doch nur im Glanz dieser Hymne, die so gar nicht zum Mitgrölen passen will, sonnen durften.

BAP haben in ihrer inzwischen vierzigjährigen Karriere immer wieder herausragende Alben vorgelegt. „Zwesche Salzjebäck un Bier“ (1984), „Amerika“ (1996) oder „Radio Pandora“ (2008) gehören zu den besten deutschsprachigen Alben, die in ihrem jeweiligen Jahrzehnt erschienen sind. Aber „Für usszeschnigge“ wird für mich immer einen besonderen Stellenwert haben, weil mir diese Platte zu einer Zeit begegnet ist, als Musik immer mehr war als Musik: Orientierung, Inspiration, Trost, Ansporn, Identifikation, Religion. Ähnlich wie Bölls „Ansichten“ haben die Songs von BAP eine ungeheure Wirkung auf mich ausgeübt. Ich habe sie nicht nur gehört und nachzuspielen versucht, sondern sie mir in gewisser Weise anverwandelt. Noch heute könnte ich jeden Song der „Für usszeschnigge“ in jeder Lebenslage zu jeder Tages- und Nachtzeit ohne jeden Texthänger singen. Von meinen eigenen Liedern kann ich das leider nicht behaupten.

Jedes neue BAP-Album trifft bei mir daher auf einen mit vielen Erinnerungen, Gefühlen, Gedanken und Melodien ausgestatteten Resonanzraum, bringt Vertrautes zum Klingen und fügt Neues hinzu. Schon beim ersten Hören von „Alles fließt“ wurde ich in diesen Resonanzraum hineingezogen und konnte dieses spezielle „BAP-Gefühl“, das mich als Jugendlicher so geprägt hat, wieder spüren. Und zwar intensiver als bei den ebenfalls bemerkenswerten Vorgängeralben „Halv su wild“ (2011) und „Lebenslänglich“ (2016). Erheblichen Anteil an der Stimmigkeit und Authentizität der neuen Platte hat sicherlich Gitarrist und Produzent Ulrich Rode, der für dreizehn der vierzehn Songs die Musik geschrieben oder zumindest daran mitgeschrieben hat. In Rodes BluHouse-Studio in Hamburg, das er gemeinsam mit seiner schon seit Jahren mit BAP tourenden Frau, der Multiinstrumentalistin Anne de Wolff, betreibt, entstehen etliche Produktionen, die kommerziell erfolgreich sind und gleichzeitig künstlerisch überzeugen. Sowohl als Gitarrist als auch als Produzent und Songschreiber stellt Rode sein Können ganz in den Dienst der Musik des jeweiligen Künstlers. Ein besonderes Einfühlungsvermögen scheint er aber für die Songs von BAP zu besitzen: Seine Kompositionen und Arrangements sind wie maßgeschneidert für Niedeckens Texte, transportieren deren leise Emotionalität genauso wie deren lautes Engagement. Seit dem Ausstieg von Klaus „Major“ Heuser hat wohl keiner von Niedeckens Mitstreitern mehr so kongenial an der Entstehung neuer BAP-Songs mitgewirkt.

Und es sind ein paar wirklich großartige Nummern auf „Alles fließt“. Absolut herausragend – und das nicht nur im Rahmen des Albums – ist das bereits im Mai, also vier Monate vor dem Albumrelease als Video veröffentlichte „Ruhe vorm Sturm“, das nicht zufällig an einen der wohl besten und wichtigsten BAP-Songs überhaupt erinnert, nämlich an „Kristallnaach“ vom 82er Album „Vun drinne noh drusse“. „In der Ruhe vorm Sturm, wat es dat“, fragte Niedecken damals und malte ein erschreckendes Bild „zweschen Breughel un Bosch“ von einer Gesellschaft, die nur auf den richtigen Moment oder Verführer wartet, um ihrem aufgestauten Hass auf „alles, wat anders ess“ freien Lauf zu lassen. Heute liest sich dieser Text, der in meinem Jugendzimmer neben dem Schreibtisch an der Wand hing, wie eine Vorwegnahme der Fernsehbilder von Pegida-Demonstrationen oder anderen widerlichen rechten Kundgebungen. Insofern ist es nicht nur konsequent und richtig, sondern vielleicht auch notwendig, dass Niedecken sein düsteres Kristallnaach-Szenario in eine Gegenwart überträgt und fortschreibt, in der die Zeit der „janz klammheimlich“ getroffenen Vorbereitungen schon vorbei und der Zeitgeist weltweit längst „zum Monster mutiert“ ist – auch durch die Hilfe digitaler Medien: „Fake-News, jezielt ennjesetz, Algorithme, Twitter, alternative Facts“.  Dass die letzte Strophe mit den Worten „die Luft rüsch versängk“ endet, ist sicherlich kein Zufall, sondern eine motivische Wiederaufnahme des Refrains „Et rüsch noh Kristallnaach.“ Mit dem danach eruptiv einsetzenden Gitarrensolo, das wie der Blitz in den Song einschlägt, ist es dann endgültig vorbei mit der Ruhe und der Sturm bricht sich Bahn. Für mich einer der besten musikalischen Momente des Albums. Wann hat ein Sechsachteltakt jemals so gerockt?

Richtig nach vorne gehen auch „Jeisterfahrer“, „Volle Kraft voraus“ und „Jenau jesaat: Op Odyssee“ – Songs, die vor allem volle Kraft ins Ohr gehen und sich dort sofort festsetzen. Klangästhetisch setzen sie etwa da an, wo man mit „Pik Sibbe“ (1993) aufgehört hatte: bei mittenbetontem analog-erdigem Sound mit sanfter, warmer Verzerrung. Auch das Mastering ist vom heute üblichen Lautheitswahnsinn weit entfernt und lässt Raum für Dynamik und Lebendigkeit. Wie mit „Ahnunfürsich“ (1999) und „Chlodwigplatz“ (2011) gibt es auch diesmal wieder eine Reggae-Nummer. „Huh die Jläser, huh die Tasse“ heißt die und man mag kaum glauben, dass der Text tatsächlich schon vor der Corona-Pandemie entstanden ist. Als Hymne für alle „Lück, die enn kei Schema passe“, weil sie sich selbstlos um Schwache, Kranke, Benachteiligte und Ausgegrenzte kümmern, ist der Song textlich ebenso relevant wie aktuell, musikalisch aber eher ein weiterer verzweifelter Versuch, noch einmal einen Reggae zu schreiben, der dem „Müsli Man“ halbwegs das Wasser reichen kann. Dass das nicht funktioniert, sollte eigentlich seit dem unsäglichen „Time is Cash, Time is Money“ vom „Ahl Männer“-Album (1986) klar sein.

Zu meinen persönlichen Highlights des neuen Albums gehört auf jeden Fall das wunderschöne „Mittlerweile Josephine“, das Niedecken für seine Tochter bzw. Töchter Joana-Josephine und Isis-Maria geschrieben hat. Unter dem Video zum Song findet sich neben vielen anderen begeisterten Kommentaren die Aussage: „Gleichzusetzen mit ‚Do kanns zaubere‘“. Ich kann dem nur zustimmen, auch wenn das – neben „Paar Daach fröher“ – vielleicht der höchste Maßstab ist, den man an eine BAP-Ballade anlegen kann. Das Lied berührt nicht nur musikalisch mit seinen Arpeggien auf der 12string-Gitarre, der schwebenden Hammond-Orgel und dem gefühlvollen Gitarrensolo; es dürfte auch textlich jedem Vater einer heranwachsenden oder erwachsenen Tochter aus dem Herzen sprechen: „Un für alle Fälle, selvsverständlich, stonn ich prat, falls ens Nuht ahm Mann sinn sollt, roof: ‚Papa!‘ … ich benn do.“

Unter den ruhigen Stücken stechen neben „Mittlerweile Josephine“ auch die beinahe bilanzierenden Liebeserklärungen „Für den Rest meines Lebens“ und „Wenn ahm Ende des Tages“ besonders hervor. Warum diese Songs im Refrain ins Hochdeutsche kippen, bleibt wohl Wolfgang Niedeckens Geheimnis. Mag sein, dass diese Lieder die in ihnen aufgehobene Erfahrung so weit transzendieren, dass die jedem Dialekt eingeschriebene Verortung hier einfach unpassend wäre. Gerade das abschließende, für meinen Geschmack allzu kalenderspruchhafte „Leb‘ deine Tage, leb‘ dein Leben im Jetzt“, mit dem letztgenannter Song schließt, legt diese Erklärung nahe. Vielleicht hätte eine rein kölsche Version an dieser Stelle aber schlicht nicht so gut geklungen. In jedem Fall wirkt der sprachliche Registerwechsel hier stimmig, was für die Verliererballade „Verraten und verkauft“ meiner Meinung nach nicht unbedingt gilt.

„Für den Rest meines Lebens“ ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie subtil Niedecken allein durch die Wahl einzelner Vokabeln intertextuelle Bezüge schafft und das bereits erwähnte „Bap-Gefühl“ wohl auch dadurch antriggert. Mir fallen vor allem „Für-usszeschnigge-Vokabeln“ wie „jraaduss“ oder auch „Kathmandu“ auf, wo der Jupp bekanntlich „met zwei Yetis Skat jeklopp hätt“. Begriffe, die wie ausgeschnitten und wieder eingefügt wirken, ihren ursprünglichen Kontext mitbringen und im neuen Song anklingen lassen. „Für usszeschnigge“ als poetisches oder poetologisches Prinzip. Alles kommt wieder, wenn auch nicht als Wiederholung. Eher so, wie – frei nach Shakespeare – jede Welle den Platz mit der vorherigen tauscht.

Womit wir wieder beim Wellenrauschen von „Fuhl am Strand“ wären, das bei mir noch eine ganz persönliche „BAP-Erinnerung“ hervorruft: Major, wie er an einem heißen Junitag an der holländischen Küste schwarz gewandet und mit Hut langsam den Strand entlanggeht, während ich neben meinem damals neun Monate alten Sohn auf dem Strandtuch liege und den Sand durch die Finger rinnen lasse. Der Gitarrenheld meiner Jugend! – In späteren Jahren habe ich ihn noch oft gesehen, auch im Café, im Restaurant, im Supermarkt oder im Zeitschriftenladen unseres Lieblingsorts an der Nordsee. Bei BAP war er da schon lange nicht mehr. Einer, der sich den Wind um die Ohren wehen lässt, mit seiner Frau aufs offene Meer blickt und das Leben genießt. Und ich begreife die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ plötzlich noch ein bisschen besser.

Bölls „Ansichten eines Clowns“ habe ich noch ein zweites Mal gelesen. Und zwar an einem seiner Schauplätze, dem Alten Friedhof in Bonn. Als Student wohnte ich direkt gegenüber; aus meinem Zimmer sah ich exakt dorthin, wo – in der Romanverfilmung – Hans Schnier, der resignierte Clown, seinen Bruder Leo vergeblich um finanzielle Unterstützung bittet. Eigentlich ein trauriger Ort. Aber ich genoss es, an sonnigen Herbstnachmittagen auf der Bank neben dem Grab von Clara und Robert Schumann zu sitzen und mich ganz in der Schnittmengenwelt von Kunst und Realität zu wissen. Vor ein paar Wochen habe ich wieder auf dieser Bank gesessen. Alles fließt.

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