Biografisches

Wenn mich jemand fragt, wie lange ich schon Lieder schreibe und meine eigene Musik mache, kann ich darauf keine vernünftige Antwort geben. Meistens sage ich dann so etwas wie „eigentlich schon immer“, was natürlich Unsinn ist. Natürlich habe ich nicht schon immer Lieder geschrieben. Gesungen allenfalls. Aber es muss ja irgendein erstes Lied gegeben haben. Welches mir da gerade einfällt und – erst recht – welches ich nenne, hängt vermutlich mit dem inneren Peinlichkeitsbarometer zusammen. Mal finde ich ein und denselben alten Song gar nicht mal so schlecht, mal einfach nur zum Davonlaufen. Keine Ahnung, nach welchen Kriterien dieses Barometer genau funktioniert.

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Eindeutig im kritischen Bereich liegen wohl die Lieder meiner ersten Schülerband. Es gab da zum Beispiel den Song „Deine Lederjacke“. Die erste Strophe begann mit dem schönen Zweizeiler „Du bist erst sechzehn Jahre und läufst wie’n Rocker rum. Du bist erst sechzehn Jahre und hängst in Diskos rum.“ Abgesehen davon, dass da reimtechnisch sicher noch Luft nach oben war, haben wir hier zumindest eine klare Aussage eines Ich über ein Du. Was man aber wissen muss: Das Ich war zum Entstehungszeitpunkt des Textes erst zehn oder elf Jahre alt, kannte Rocker nur vom Hörensagen und hatte noch nie eine Disko von innen gesehen. Aber eine Lederjacke hätte ich definitiv auch gern gehabt!

Besser und vor allem authentischer waren da schon die Songtexte, die ich später für eine Rockband geschrieben habe, als ich ungefähr im Alter des besungenen Lederjackenträgers war. Wieder auf Deutsch. Anders als heute galt das in den achtziger Jahren trotz NDW und BAP ja noch als ziemlich exotisch und erklärungsbedürftig, was ich nie verstanden habe. Was soll dagegensprechen, sich in der Sprache auszudrücken, in der man auch Sprachgefühl besitzt? Man bleibt ja in der Regel auch bei dem Instrument hängen, für das man ein besonderes Gefühl entwickeln kann. In meinem Fall war das vor allem die Gitarre, obwohl meine Eltern jahrelang viel Geld für Trompetenunterricht ausgegeben haben. Trompete ist ein tolles Instrument. Stimmt. Wollte ich als kleiner Junge immer schon spielen können und habe auf jeder Kirmes eine Plastiktrompete erquengelt. Stimmt auch. Aber wie meine Helden wollte ich eben Sänger sein und meine eigenen Lieder begleiten können. Das geht schlecht mit einer Trompete, was auch meine Eltern irgendwann eingesehen und mir eine Gitarre gekauft haben.

Unsere Deutschrockband hat immerhin einige Jahre gehalten. Ich weiß nicht genau, wie viele Lieder ich in dieser Zeit geschrieben habe. Es werden aber einige Dutzend gewesen sein. Manche waren vielleicht ganz gut. Ich habe aber keins davon auf die erste Kassette hinübergerettet, die ich 1989 unter meinem eigenen Namen unters Volk gebracht habe. Das Volk bestand fürs Erste aus Freunden und Verwandten, also aus Menschen, die sich nicht wehren konnten. Nach ersten Kneipenauftritten im selben Jahr mischten sich dann aber immer mehr Freiwillige unter die Zuhörer. Dabei hat es wohl auch nicht geschadet, dass ein Aachener Journalist meine Songs einige Jahre lang regelmäßig in der wöchentlichen Musiksendung seines Lokalsenders gespielt hat. Danke, Gerd!

Der besagten Kassette, von der ich in Echtzeit und unter Beschlagnahmung des Tapedecks meines Bruders bestimmt zweihundert Kopien angefertigt habe, hatte ich den Titel „Durch die Nickelbrille gesehen“ gegeben. Als großer John-Lennon-Fan schien mir das irgendwie passend, auch wenn das Ganze dann doch eher nach Reinhard Mey klang. Den hatte ich 1986 im Aachener Eurogress zum ersten Mal live gesehen – und war schwer beeindruckt. Wie er da ganz alleine mit einer Gitarre auf der Bühne stand und die Leute ihm drei Stunden lang zuhörten. Wie er die Menschen mit seinen Liedern und seiner Stimme berührte. So etwas wollte ich auch machen! Natürlich auf meine eigene Art.

Meine Lieder – ganz puristisch – nur mit Gitarre aufzunehmen, schien mir dann aber doch irgendwie zu langweilig und eintönig. Auf den Aufnahmen sollten die Songs abwechslungsreiche Arrangements und mehr Klangfarben haben. Also investierte ich mein gesamtes Erspartes in einen Vierspurrekorder und ein Hallgerät und bat die Musikalischen unter meinen Freunden und Bekannten vors Mikrofon. Weil ich parallel zu meinem eigenen musikalischen Weg immer auch in Coverbands gespielt habe, um mir meine Instrumente und die ständigen Reparaturen an meinem R5 zu finanzieren, konnte ich von Anfang an auf tolle Mitstreiter zurückgreifen. Motto: „Lass dir mal was einfallen, ich nehm‘ einfach auf.“ Im Grunde bin ich dieser Vorgehensweise bis heute treu geblieben, wobei sich der Kreis der beteiligten Musikerinnen und Musiker über die Jahre erweitert und verändert hat.

Nur einer ist seit drei Jahrzehnten – seit meinem zweiten Album „Innenansichten“ – mitharald dabei und aus meinem musikalischen Kosmos nicht wegzudenken: Harald Claßen. Als „Adoptivkind“ der damals sehr agilen und hochmusikalischen Familienband der Claßens hatte ich schon unzählige Auftritte mit ihm absolviert: Betriebsfeiern, Karnevalssitzungen, Hochzeiten, runde Geburtstage. Wir spielten überall. Oder fast überall. Denn seltsamerweise wurden wir nie für Schiffstaufen gebucht, obwohl auch das auf unserer Visitenkarte stand. Vielleicht in Ermangelung von Schiffen in der Aachener Region.

Und weil Harald ein Multi-Instrumentalist erster Güte ist, bereichert er meine Alben bis heute mit seinem einfühlsamen und virtuosen Spiel auf allem, was Tasten oder Klappen hat. Klar, dass ich auf ihn, der konsequenterweise Profimusiker geworden ist, auch bei meinen Konzerten nicht verzichten wollte. Mehrere Jahre lang sind wir mit unserem Programm „Lauter leise Lieder“ als Duo aufgetreten. In unserer Region erfreulicherweise meistens in vollen Sälen, an entlegeneren Orten aber auch mal vor fünf Leuten, von denen drei zum Veranstaltungsteam gehörten. Spaß gemacht hat es trotzdem. Auch heute fühle ich mich auf einer Bühne erst richtig wohl, wenn Harald dabei ist. Und so ganz alleine mit einer Gitarre auf der Bühne zu stehen, ist ja auf Dauer auch eine ziemliche einsame Angelegenheit. Das mache ich deshalb eher selten. Aber wenn, dann natürlich richtig, mit Leib und Seele.

SimonEtwa halb so lange wie Harald ist Simon Kurtenbach inzwischen mit von der Partie. Auch er ein toller Freund und exzellenter Musiker, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Kennengelernt habe ich ihn aber nicht als Keyboarder, Produzent und Tonstudiobetreiber, sondern – man lese und staune – als Schüler der achten Klasse. Genauer: als meinen Schüler. Und weil jetzt raus ist, was ich beruflich mache, kann ich auch gleich die ganze Geschichte erzählen.

Ein Nachbar hatte Simon die CD „Tomorrow’s Finest II“ in die Hände gedrückt, auf der vier Aachener Bands zu hören waren. Auch ich war mit einigen Songs auf diesem Album vertreten. Der Überlieferung nach fand Simon Gefallen an meiner Musik, besonders an der Ballade „Geh‘ nicht so schnell“. Irgendwann ist ihm aufgefallen, dass der Typ auf dem CD-Cover eine frappierende Ähnlichkeit mit seinem Deutschlehrer hatte. Wie konnte das sein? Erklärung eins: Mein Lehrer hat einen Doppelgänger. Erklärung zwei: Der Typ auf dem Cover ist mein Deutschlehrer. Erklärung zwei erschien Simon nach kurzem Nachdenken wahrscheinlich genug, um seinen Lehrer am folgenden Tag im Unterricht zu überraschen. Und die Überraschung war in der Tat groß, als während einer Stillarbeitsphase plötzlich einer meiner Songs aus einem Ghettoblaster in voller Lautstärke ertönte. Ein Knaller. Die Stunde war gelaufen.

Auf das Urknallerlebnis im Klassenraum folgte im Laufe der Jahre eine schöne Evolution unserer musikalischen Zusammenarbeit, wobei Simon zunächst vor allem sein Talent als Arrangeur und Produzent bewies. Erste Erfolge waren ein schulisches Songwriting-Projekt, das von keinem Geringeren als Herbert Grönemeyer begleitet und gelobt wurde, und der Gewinn des AKV-Chartbreaker-Wettbewerbs mit der Aachen-Hymne „Aix-la-la-Chapelle“. Beide Titel von Simon am PC produziert, damals noch direkt neben der Waschmaschine im Keller seines Elternhauses. Manchmal mussten wir auch einen Waschgang abwarten, um das nächste Take aufnehmen zu können. In diesem Waschkeller war es auch, wo Regisseur Claus Schmitz unseren Song für fernsehtauglich befand, sodass wir ihn an einem Samstagabend zur Primetime in der ARD präsentieren durften. „Obwohl das ja eigentlich eher ein Chanson ist!“ Recht hatte er!

Und auch wieder nicht. Denn die Versuche, Musik und Musiker zu kategorisieren und in steffeine Schublade zu packen, haben mich noch nie überzeugt. In meinem Fall: Ob mich jemand Liedermacher nennt, Singer-Songwriter, Popsänger oder Chansonnier, ist mir im Grunde egal. Je nach Lied, trifft mal das eine, mal das andere mehr zu. Und natürlich spielt auch die Besetzung eine Rolle, mit der ich live spiele. Nachdem ich von Soloauftritten bis zur Rockband mit Backgroundsängerinnen vieles ausprobiert habe, ist mir die aktuelle Formation mit Harald und Simon die liebste. Auch deshalb, weil beide so vielseitig sind, dass sie an einem Abend gleich zu mehreren Instrumenten greifen und untereinander tauschen können. Meine Lieblingsformation wäre aber nicht komplett ohne Stefan „Steff“ Jansen, der schon bei meinen ersten Konzerten für Licht und Ton gesorgt hat und seit einigen Jahren wieder mit im Boot sitzt. Als „Mann an den Reglern“ hat Steff unser Boot schon über manche technische Klippe sicher gesteuert und ist immer sofort zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Einen richtigen Bootsführerschein besitzt er übrigens auch.

Vieles hat sich verändert, seit ich das Liedermachen für mich entdeckt habe. Aber gleichzeitig ist auch alles noch da: die Liebe zur Musik und zum Erfinden von Melodien, der Drang, sich in Liedern auszudrücken und die richtigen Worte zu finden, die Lust, meine Lieder zu arrangieren, sie mit Freunden aufzunehmen und vor Publikum zu spielen. Manchmal glaube ich sogar, dass das immer besser gelingt. Und eine Lederjacke habe ich inzwischen auch.