Mario Matrose

Album: Durch die Nickelbrille gesehen (1989)


Zwei Wochen Krankenhaus;
Ich fühl′ mich jeden Tag schon kläglicher.
Obwohl das nicht mein Alltag ist,
Scheint alles hier noch viel alltäglicher.
Von Leuten, die ich noch nie sah,
Hab′ ich den Eindruck, die langweil′n mich schon lang.
Doch dann kommt einer auf mich zu,
Der ist ganz anders – ich seh′s ihm an.

Erst sagt er „Komm, rauch′ eine mit!“,
Dann setzt er sich zu mir auf den Balkon.
Und lächelnd starrt er vor sich hin,
Als träume er, und er erzählt auch schon
Von dem Pferd, das er sich kauft,
Wenn er in ein, zwei Jahr′n ein freier Mann ist.
Jetzt lehnt er sich langsam zurück, und mir wird klar,
Dass er alles andere vergisst.

Und mit dem Pferd reite er dann
Irgendwohin, Hauptsache ganz weit weg.
Und all das, was ihn heut′ bedrückt,
Sei dann passé, kümmere ihn ′nen Dreck.
Ich frag′ mich: Ist das bloß Geschwätz?
Denn irgendwie klingt alles recht verworr′n.
Doch während ich noch drüber nachdenk′, fährt er fort,
Und ich rück′ meinen Stuhl ein Stück nach vorn.

Ach, übrigens, er hieße Mario,
Komme aus Köln, vom Chlodwigplatz.
Doch stationiert sei er in Hamburg
Und hielt′ die Stadt für ′nen ganz guten Ersatz.
Eigentlich sei′s ihm auch egal,
Denn als Matrose sei die Freiheit sein Zuhaus′.
Selbst wenn er jeden Tag woanders wär′,
Nicht einmal dann machte er sich was daraus.

Und Freunde habe er ja doch nicht,
Jedenfalls keinen, der ihn wirklich vermisst.
Höchstens Klaus –, doch wie′s jetzt aussieht,
War der schneller weg, als er gekommen ist.
Denn die Sache mit dem Benz
Hatte der ihm ja bis heute nicht verzieh′n,
Den Totalschaden durch eig′ne Schuld
Und ohne Führerschein, den Wagen von Klaus gelieh′n.

Jetzt bekäm′ er dauernd Briefe
Von blöden Ämtern und der Polizei;
Paar tausend Mark hätt′ er an Schulden,
Doch sei er pleite, und er lacht dabei.
Und seinen Eltern sei′s egal,
Mit denen hätt′ er sowieso nichts mehr zu tun.
Die wüssten nicht einmal, dass er hier läg′,
Und sich fragen muss: Mario, was nun?

Doch dafür habe er ′ne Freundin,
Wenn man′s genau nähm′, sogar zwei:
Eine in Köln, eine in Hamburg – nur,
Das mit den beiden sei wohl auch bald vorbei.
Doch das sei ja halb so schlimm,
Verglichen damit, dass er hier vor ′nem halben Jahr
′nen Freund gewonnen habe, um nun zu erfahr′n,
Dass der kurz später an Krebs gestorben war.

Und er erzählt mir auch von seiner Krankheit;
Tja, auch er sei ′n ziemlich schwieriger Fall.
Fast alles habe man schon ausprobiert,
Von Aspirin, scherzt er, bis Ultraschall.
„Doch was soll′s“, sagt er, „ich leb′ ja noch,
Und wenn die hier ein Mittel finden könn′n,
Geb′ ich so schnell noch nicht den Löffel ab,
Brauch′ halt was Glück“, sagt er. Ich kann′s ihm gönn′n.