Innenansichten

Album: Innenansichten (1991)


Dankbarkeit,
Du hilfst mir, nicht zu zerbrechen unter mancher Last,
Doch du bist ein selt’ner Gast.
Überheblichkeit,
Du kleiner Bruder des Erfolgs, wer sich dir anvertraut,
Der hat sein Haus auf Sand gebaut.
Traurigkeit,
Meistens kommst du über Nacht, schleichst dich in meinen Sinn
Und gehst, wenn ich am Boden bin.

Nachgiebigkeit,
Des Klüg’ren Tugend nennt man dich, und heute seh’ ich ein:
Ich sollte öfter klüger sein!
Fröhlichkeit,
Beseel’ mich und beflügle meine Phantasie,
Und wenn es geht, verlass mich nie!
Eitelkeit,
Du gibst wohl Obacht, dass ich mich nicht unter Wert verkauf’,
Doch setz’ mir keine Maske auf!

Zufriedenheit,
Du ruhiger Pol in meiner Seele, komm’ und wachs’ in mir,
Dass ich ganz leben kann aus dir!
Freundlichkeit,
Dich ohne Einhalt zu verschwenden, ist ein edles Ziel,
Du kostest nichts und schenkst so viel.
Friedfertigkeit,
Beweg’ mich jeden Tag aufs Neue, lass mir keine Ruh’,
Was letztlich zählt, bist einzig du!

Barmherzigkeit,
Wie oft vermiss’ ich dich in mir und schlag’ dich in den Wind
Und bin für meinen Nächsten blind!
Bescheidenheit,
Sei mein Begleiter, auch wenn alles zu gelingen scheint,
Denn klein ist doch, wer sich groß meint.
Boshaftigkeit,
Ich würd’ dich gern in einen Kerker stecken – tief in mir,
Bist wilder als ein wildes Tier.

Ehrlichkeit,
Du währst am längsten, heißt es, doch bisweilen glaub’ ich fast,
Dass du mehr Feinde als Freunde hast.
Betroffenheit,
Du Quelle meiner Träume! Nein, auch dich vergess’ ich nicht,
Du schreibst mir Spuren ins Gesicht.
Leichtigkeit,
Ich spräng’ gern wie auf einem Trampolin durch meine Zeit,
Wie man so sagt, durch Freud’ und Leid.

Offenheit,
Du bist das Tor, durch das ich geh’, um andern zu vertrau’n,
Um Vorurteile abzubau’n.
Gleichgültigkeit,
Ich lass’ mich allzuleicht verführ’n, Unrecht zu überseh’n,
Der Not den Rücken zuzudreh’n.
Schweigsamkeit,
Wenn alle Worte untergeh’n, halt’ ich mich an dir fest,
Du sagst, was sich nicht sagen lässt.