Lieder zwischen Stracciatella und Zitrone – Drei Heimspiele bei Casal

Foto: Carlotta Birken unter Verwendung des Designs des Veranstalters

Ich freue mich, am Freitag, dem 1. März, bei einer ganz besonderen Aktion dabei zu sein. An elf Orten im Zentrum von Würselen verwandeln sich Einzelhandelsgeschäfte, Kultureinrichtungen und – Achtung! – ein Eiscafé in Oasen der Literatur und der Poesie. Die Vortragenden kommen aus unterschiedlichen Lebensbereichen: Kultur, Bildung, Journalismus und Politik. Was sie verbindet, ist neben der Liebe zur Sprache der Umstand, dass sie alle aus Würselen bzw. der Aachener Region stammen. Und wie im Märchen müssen alle Mitwirkenden an diesem Abend dreimal eine Aufgabe meistern – und zwar nicht irgendeine Aufgabe, sondern die schönste und zugleich schwierigste, die man sich vorstellen kann: die Menschen in fünfzehn bis zwanzig Minuten zu verzaubern. Denn länger sollen die einzelnen Blöcke nicht dauern, damit die Zuhörerinnen und Zuhörer bei ihrer Reise in die weite Würselener Vorlesewelt an möglichst vielen Stationen vorbeikommen und verweilen können.

Ich habe – wie ich finde – das ganz große Los gezogen, denn ich darf in der Eisdiele Casal singen. Seit meiner Kindheit kenne und liebe ich diesen Ort, mit dem ich entsprechend viele schöne Erinnerungen verbinde. Manchmal gingen unsere Eltern am Sonntag nach der Messe mit uns noch zu Casal – damals, als eine Kugel Zitrone noch zehn oder zwanzig Pfennig kostete. Torrone und Mokka waren auch nicht teurer, aber das waren nicht meine Sorten. Ein Eis im Hörnchen, gerne auch mit Sahne, war der Höhepunkt des Tages, ein Hochamt des guten Geschmacks, ein Fest für die Sinne und eine Ahnung, dass es irgendwo hinter den Bergen tatsächlich ein Paradies geben musste. Und wie alles Schöne im Leben – der erste Schnee oder ein unverhofftes Wiedersehen – war auch das Eis von Casal nicht ständig verfügbar: Im Herbst und Winter blieb die Eisdiele geschlossen, weil Familie Casal diese Zeit in ihrer italienischen Heimat verbrachte. Da, wo vielleicht schon der erste Schnee gefallen war, weiß wie Zitroneneis.

In den frühen Siebzigerjahren muss es auch gewesen sein, als ich bei einem unserer sonntäglichen Casal-Besuche kurzerhand ein Souvenir habe mitgehen lassen: einen dieser silbernen Eislöffel, deren vorderer Rand nicht wie bei einem ordinären Teelöffel halbrund, sondern fast gerade ist. Auch wenn ich die Faszination, die dieses Besteckteil auf mich ausübte, heute nur noch bedingt nachvollziehen kann, erinnere ich mich doch deutlich daran, dass das Eis mit diesem Löffel noch besser schmeckte. Es gab ihn nur bei Casal. Nirgendwo sonst hatte ich solch einen magischen Löffel jemals gesehen. Also habe ich wohl nicht lange überlegt und das Teil in die Tasche meiner Latzhose gesteckt. Zu Hause habe ich ihn dann stolz präsentiert. Zu meiner Überraschung hielt sich die Begeisterung meiner Eltern aber in Grenzen. Trotzdem wurde er in eine Küchenschublade gelegt und damit Teil des Familienbestecks. Und wenn ihn keiner geklaut hat, dann liegt er da noch heute.

Vor einer Woche las ich in der Aachener Zeitung eine Überschrift, die mich wie der Blitz getroffen hat: „Würselen vermisst die Familie Casal schon jetzt“. Inzwischen dürfte es sich in der ganzen Stadt herumgesprochen haben: Nach dieser Saison gehen im Eiscafé Casal für immer die Lichter aus. Auch wenn die Gründe, die zu dieser Entscheidung geführt haben, nachvollziehbar und respektabel sind, fällt es wohl nicht nur mir schwer, mir einen Markt ohne die Eisdiele Casal vorzustellen. Familie Casal hat in Würselen nicht nur eine jeweils halbjährige Heimat gefunden, sondern ganz wesentlich dazu beigetragen, dass man sich in dieser Stadt zu Hause fühlen kann. Hier trifft man Freunde, Bekannte, Kolleginnen oder Nachbarn und – egal, was man bestellt – immer die richtige Entscheidung. Sollte sich ein Nachfolger für das Ladenlokal finden, wird er sicherlich mit offenen Armen empfangen werden. Er wird es trotzdem schwer haben, weil persönliche Erinnerungen so wenig austauschbar sind wie Casal-Eis.

Dass ich bei meinen drei Kurzauftritten im Rahmen der „LadenZeilen“ Lieder aus meinem Album „Endlich!“ singen werde, die vielfach um Vergänglichkeit und Endlichkeit kreisen, passt angesichts der angekündigten Schließung der Eisdiele Casal fast schon zu gut. Aber den Löffel gebe ich trotzdem nicht ab. Nie und nimmer.

Zeiten:
19:15 Uhr // 20:00 Uhr // 20:45 Uhr

Weitere Informationen und das komplette Programm finden sich unter folgendem Link: https://wuerselen.de/2024/02/16/kaiserstrasse-liest/