
Lieder über Städte sind eine heikle Angelegenheit. Sie können über jeden Zweifel erhaben sein, wenn die Besungene ebenfalls über jeden Zweifel erhaben ist. „New York, New York“ ist so ein Fall. Schon bei den ersten Takten kommt ein Gefühl von Lässigkeit und Weltläufigkeit auf, die Zuversicht, dass nichts unmöglich ist, und die Zusage, dass jede und jeder a part of it sein darf und ganz neu beginnen kann. „Empire State of Mind“ ist auch so eine New-York-Hymne, die mitten in Schwarze trifft. Sie tönte aus einem Ghetto-Blaster, als ich mit meinem Sohn über die Brooklyn Bridge ging. Unvergesslich.
Andere Songs heißen zwar nach einer Metropole, handeln aber im engeren Sinn gar nicht von dieser. Die Stadt ist dann eher Kulisse, Symbol oder Chiffre für etwas anderes, was der jeweiligen Stadt erst recht eine Aura des Besonderen verleiht. „London“ von The Smiths oder Coldplays wunderschönes „Amsterdam“ sind Beispiele dafür. Auch hierzulande bringen große Städte immer wieder große Songs hervor, „Berlin“ von Ideal zum Beispiel oder „Berlin tut weh“, für mich eines der schönsten Lieder von Reinhard Mey überhaupt. Grönemeyers „Bochum“, das in diesem Jahr 40 Jahre alt wird, ist ebenfalls so eine gebrochene Liebeserklärung und wohl auch deshalb ein unglaublich starker und emotionaler Song.
Lieder über Städte können aber auch peinlich sein, vor allem dann, wenn sie eben nicht hinter die Fassaden blicken wollen. Bei nicht wenigen Kölner Karnevalsliedern empfinde ich das so. Da werden Dom und Rhein in immer gleichen Wendungen glorifiziert und sogar der „Herrjott“ wird gerne eingebürgert. Worte wie Etiketten, lieblos beschriftet und nachlässig aufgeklebt. Zum Glück gibt es nicht erst seit Wolfgang Niedecken auch „andere kölsche Leeder“, die ohne jedes Klischee auskommen, sowie solche, die – wie Tommy Engels „Du bes Kölle“ – mit genau diesen Klischees spielen, um sie zu entlarven.
Je größer die Stadt, desto höher die allgemeine Akzeptanz der Lieder, die sie besingen. Es scheint geradezu so, als gehörten zu Metropolen immer auch Hymnen – gewissermaßen als Selbstvergewisserung der eigenen historischen und kulturellen Bedeutung. Insofern sind Lieder über Städte immer auch so etwas wie ein Ausweis ihrer Strahlkraft und Lebensqualität. Aachen ist gerade noch groß und vor allem geschichtlich bedeutend genug, um ohne Verdacht der Heimattümelei darüber zu singen. Deshalb habe ich mein „Aix-la-la-Chapelle“ auch ohne Bauchschmerzen geschrieben. Die Herausforderung lag da eher im Genre als im Thema.
Umgekehrt gilt dann auch: Lieder über kleine Städte sind ein Wagnis. Der unscheinbaren Kleinstadt fehlt – wenn man so will – die Berechtigung zum eigenen Lied. Wenn sie – wie im grandiosen „Delmenhorst“ von Element of Crime dann doch einmal zu musikalischen Ehren kommt, dann ist die Ironie nicht zu überhören: „Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist, und das ist immer Delmenhorst.“ Andererseits heißt es auf dem entsprechenden Album im Titelsong auch ganz unironisch: „Wo deine Füße steh’n, ist der Mittelpunkt der Welt.“
Meine Füße stehen meistens in Würselen, einer Stadt im äußersten Westen unseres Landes, wo Belgien und die Niederlande nur einen Katzensprung entfernt sind. Am Rand, aber trotzdem ein Mittelpunkt in vielerlei Hinsicht: Mittelpunkt meiner Kindheitserinnerungen, meiner Schulzeit, meiner Familie, meines Freundeskreises, Mittelpunkt mancher Hochgefühle und Krisen, Aufbrüche und Abschiede. Nicht alles hat sich hier abgespielt, bei Weitem nicht: Von einem Mittelpunkt aus kann man in viele Richtungen gehen und weite Strecken zurücklegen. Er ist eben kein Bezirk, kein Gehege, sondern ein ständiger Bezugspunkt in einem prinzipiell unbegrenzten Erfahrungsraum.
Mein Würselen-Lied „Würselen ist okay“ ist der Versuch, diesen biografischen Bezugspunkt in seiner Bedeutung für mich zu beschreiben. Weil das vor allem mit Menschen und persönlichen Beziehungen zu tun hat, habe ich in meinem Text bewusst auf jede konkrete Würselen-Referenz verzichtet. Es geht letztlich nicht um landschaftliche oder bauliche Besonderheiten, nicht um irgendeine bestimmte Mentalität oder Tradition. Würselen ist nicht besser und nicht schöner als andere Städte. Allenfalls anders schön, wie Herman van Veen sagen würde. Und je mehr Menschen ein Teil der Stadt sind und in ihr neu anfangen dürfen, desto bunter und schöner wird es, desto mehr „Resonanzachsen“ (Hartmut Rosa) lassen sich entdecken.
Ich bin nicht stolz, aus dieser Stadt zu kommen. Ich bin – soviel ich weiß – nicht gefragt worden, ob ich mit meinem Geburtsort einverstanden bin. Aber ich bin gerne (wieder) hier und dankbar, einen Ort zu haben, an dem ich mich zu Hause fühle, weil jemand auf mich wartet, wenn es dunkel wird und kalt. Mehr geht eigentlich auch nicht. Ziemlich okay, würde ich sagen.
„Würselen ist okay“ habe ich letzten Monat im Rahmen einer Feierstunde der Stadt Würselen zum ersten Mal vor Publikum gespielt. Ab dem 3. Mai ist der Song bei allen Musik-Streamingdiensten verfügbar.
