Simon mischt die Kölner Musikszene auf – Eldorados Debütalbum „Aanjekumme“

Vor ein paar Tagen schickte mir mein Freund und „Begleiter“ Simon über WhatsApp ein paar Fotos aus seinem Studio. Über die vielen bekannten Gesichter, die in der „Tonbauhütte“ ein- und ausgehen, wundere ich mich schon lange nicht mehr. Simon und sein Partner Manuel Sauer machen eben einen richtig guten Job. Aber dass gestern Hans Süper in ihrem Studio in Köln-Holweide war, finde ich dann doch regelrecht sensationell! Süper ist eben nicht irgendein Karnevalist, sondern für mich der Inbegriff des Kölner Karnevals. Schon als Kind habe ich mir die Prunksitzung am Rosenmontag im Fernsehen angeguckt und dabei dem Auftritt des Colonia-Duetts entgegengefiebert. Wenn die beiden dann endlich auftraten, habe ich den Kassettenrekorder auf Aufnahme gestellt und dem Rest der Familie das laute Lachen verboten. Später habe ich die Dialoge dann so oft gehört, bis ich sie auswendig mitsprechen konnte. „Mach noch mal das Colonia-Duett“, hieß es eine Zeit lang auf jeder Party. Und ich ließ mich nicht lange bitten.

Zu solchen Aktionen würde mich meine Begeisterung für Hans Süper heute sicherlich nicht mehr verleiten. Trotzdem habe ich in der langen Zwischenzeit immer aufgehorcht, wenn es etwas Neues von ihm oder über ihn gab. So habe ich mir vor Jahren das von Mike Herting produzierte Album „Musik uss der Kösch“ genauso zugelegt wie die im selben Jahr erschienene Süper-Biografie „Mein Leben mit der Flitsch“ von Helmut Frangenberg. Und jetzt spielt diese Flitsch in Simons Studio. Schon verrückt.

Und plötzlich verstehe ich auch besser, warum Simons neue Band „Eldorado“ heißt. Wenn Köln ein goldenes Land für Künstler und Bands ist oder sein soll, dann liegt das nicht nur an den vergleichsweise traumhaften Vermarktungsmöglichkeiten für Musik, sondern an Menschen, die der Stadt lange vor Cat Ballou und Konsorten eine Sprache, ein Gesicht und vor allem ein Gefühl gegeben haben. Allen voran der heute dreiundachtzigjährige Hans Süper, der die eigentlich stocksteife Büttenrede in eine anarchistische Kunstform aus Text und Musik verwandelt hat.

Das Eldorado der Kölner Musikszene ist seit einem Jahr um eine Entdeckung reicher. Zwar konnte man bereits in der letzten Session einen ersten Blick in die Schatztruhe des Quintetts werfen, doch zeigt erst das Anfang Oktober veröffentlichte Album „Aanjekumme“, welche Songperlen hier auf ihr Publikum warten. Um es gleich vorweg zu sagen: Das Debütalbum hat bereits mehr Nummern, die das Zeug zum Hit haben, als die gesamte Diskografie so manch etablierter Kölner Band. Obwohl die Songs unter großem Zeitdruck geschrieben und aufgenommen wurden, um sie rechtzeitig vor Sessionsbeginn 2019/20 veröffentlichen zu können, hört man jedem einzelnen Lied die Liebe zum Detail an, die ich von Simon seit Langem kenne. Und das gilt insbesondere für die Kompositionen, die Arrangements und den ebenso transparenten wie druckvollen Mix. Die Songs selbst stammen zum großen Teil aus der Feder von Simon und Manuel. Aber auch die anderen Bandmitglieder haben hier und da zu Text und Musik beigetragen. Mit Funky-Marys-Sängerin Andrea Schönenborn, die außerhalb Kölns vor allem durch ihre TV-Moderationen für den WDR bekannt sein dürfte, hatten die fünf Musiker zudem prominente Unterstützung beim Songwriting: Bei zehn von fünfzehn Titeln hat sie textlich und/oder musikalisch mitgemischt. Wie gut, wenn man so eine Freundin hat, mag sich Sänger Manuel Sauer gedacht haben. Dasselbe kann Simon über seine Anica sagen, die Albumcover und CD-Booklet – wie auch die Website der Band – in klassischem Schwarzweiß stilsicher gestaltet hat.

Anders als die – sorry – langsam öffnende Website geht das Album schon mit dem ersten Song „Willkumme“ richtig nach vorne und macht schon einmal klar, wohin die musikalische Reise geht: vom vielfach besungenen „Rhing“ mit dem Cabrio „der Freiheit hingerher“, um dann „Irjendwann“ nach einem vergeblichen Flirt mit dem wunderschönen „Mädche hinger d’r Thek“, etlichen „Leechterloh“ durchgefeierten Nächten und der Erkenntnis, dass es im Leben nicht immer ein Happy End wie in „Hollywood“ gibt, wieder „Noh Hus“ zu kommen, wo die Richtige auf einen wartet, an die keiner „drankütt“. Und im letzten, sehr persönlich wirkenden Song geht die Reise dann schließlich endgültig zu Ende oder – je nach Betrachtung – erst richtig los: „Maach et joot, kumm joot rövver“. Hier wird der Rhein zum Styx, zu dem Fluss also, über den in der griechischen Mythologie der Weg ins Reich der Toten führt. „Aanjekumme“ ist so gesehen ein sehr passend gewählter Albumtitel, dem sich vom ersten bis zum letzten Song immer neue Facetten abgewinnen lassen. Und angekommen sind die fünf Vollblutmusiker nicht zuletzt bei sich selbst, nachdem sie in den Jahren zuvor eher als Dienstleister für ein inzwischen leider arg versteinertes Urgestein des Kölschen Karnevals unterwegs waren.

Foto: Christoph Birken

Dass es heute mehr ist als der potenzielle kommerzielle Erfolg, was die Band zusammenhält, wurde beim Album-Release-Konzert im Club Volta an der Schanzenstraße in Köln-Mülheim mehr als deutlich. Hier konnte man am Vorabend der CD-Veröffentlichung eine Band erleben, die nicht nur aus technisch versierten Einzelkönnern besteht, sondern auch im Zusammenspiel – musikalisch wie menschlich – perfekt harmoniert. Wenn ich mich richtig erinnere, wurden alle fünfzehn Songs des Albums gespielt und von Manuel auf sehr sympathische Art anmoderiert. Als Mittelpunkt der Band überzeugt er nicht nur als Sänger, sondern auch als Typ, was gerade im Kölner Karneval mindestens genauso wichtig ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Frontmännern oder (leider seltener) -frauen wirken seine Posen nicht einstudiert, sein Kölsch nicht mühsam antrainiert, seine Begeisterung nicht gestellt und sein Humor nicht zielgruppentauglich zurechtgemacht. Er ist vielmehr authentisch, echt. Und auch seine Liebeserklärung an Holweide nimmt man ihm ab, auch wenn der Kölner Lokalpatriotismus gerade im Karnevalskontext nicht selten überstrapaziert und instrumentalisiert wird.

Bei aller Liebe zur Musik muss eine Band, die ihr Hauptgeschäft im Karneval verortet, natürlich Kompromisse machen. Neben Songs mit textlicher und musikalischer Tiefe muss es auch solche geben, die in der jecken Zeit schlicht funktionieren, also die Menschen in den Sälen und auf den Straßen zum Feiern bringen und auch mit viel Alkohol im Blut noch inhaltlich und gesanglich nachvollziehbar bleiben. Auch solche Lieder gibt es auf „Aanjekumme“. Zu den lupenreinen Karnevalskandidaten würde ich neben dem bereits aus der letzten Session bekannten „1,2 oder 3 (Kein Ende)“ auch die Songs „Bes die Sonn‘ opjeiht“, „Bütz mich“, „Leechterloh“ und nicht zuletzt das kongenial eingekölschte Versengold-Cover „Verlieb‘ dich nie“ zählen. Bleiben immerhin noch zehn Nummern, die auch außerhalb des Karnevals Gehör und Fans finden dürften. Kurios erscheint in diesem Zusammenhang, dass Höhner-Sänger Henning Krautmacher ausgerechnet bei dem chilligen „Hück es der Daach“ seinen Gastauftritt hat, einem Lied, das ich mir im Karneval allenfalls als Rausschmeißer vorstellen kann.

Eldorado selbst scheinen ihr Repertoire nicht in Schubladen einzuteilen und ähnlich wie etwa Kasalla auf das Konzept „Popmusik einschließlich karnevalskompatibler Hits“ zu setzen. Und das ist natürlich auch gut so, weil es letztlich nur darauf ankommt, ob Musik mit Hingabe, Herz und handwerklicher Perfektion gemacht ist. Und das kann man zweifellos von allen Songs auf „Aanjekumme“ sagen. Bei der letztjährigen „Loss-mer-singe“-Tour ging die Band mit dem Titel „An dich kütt keiner dran“ an den Start, einer eingängigen und berührenden Ballade im Sechsachteltakt, die sich zum Schunkeln genauso eignet wie zum Zurücklehnen und Genießen. Für mich tatsächlich einer der besten Songs des Albums. Und dann ist es auch vollkommen egal, ob man Eldorado in die Abteilung „Kölschrock“ (Wikipedia) oder „Schlager & Volksmusik“ (Media Markt) steckt. (Obwohl letztere Einordnung schon angesichts des imagebildenden Lederjacken-Covers relativ absurd erscheint.)

Never judge a book by the cover. Deshalb zurück zur Musik: Der erste Song heißt den Hörer eindeutig nicht in der Welt des Schlagers willkommen, sondern bedient sich auffälliger Rock-Zitate: Passend zur Strickmütze eröffnet Gitarrist Michael Brettner das Album mit einem „The-Edge-mäßigen“ Riff, auf das der Chorus „Willkumme in unsrem Eldorado“ in seinen vielen Wiederholungen wie ein Mantra aufsattelt. Wenn in der Bridge dann noch Coldplays „Clocks“ den Takt schlagen, weiß man spätestens, dass hier klanglich nicht gekleckert, sondern geklotzt werden soll. Und das ganz im positiven Sinne! Denn was Simon und Manuel an ihren Reglern realisiert haben, klingt weniger nach „Hütte“ als nach „Stadion“ und braucht sich vor keiner international erfolgreichen Produktion zu verstecken. Das ist natürlich auch das Verdienst der einzelnen Musiker, die ausnahmslos hervorragend abgeliefert haben. Ganz besonders trifft das auf Alex Vesper zu, der mit unheimlich präzisem Spiel den nötigen Druck und Drive garantiert und mit oft überraschenden Breaks, Fills und Endings dafür sorgt, dass die Lieder zu keinem Zeitpunkt langweilig oder berechenbar werden. Gott sei Dank klingt auch die Snare noch wie eine Snare und wurde nicht – wie derzeit leider häufig – bis zur Unkenntlichkeit komprimiert.

Zu meinen persönlichen Favoriten gehören die Songs, die im Refrain richtig groß aufmachen: die Köln-Hymne „Irjendwann“, der Mutmacher „Schöne joode Morje“ mit Pink-Floyd-mäßigem Kinderchor und amtlichem Gitarrensolo, das geradlinige, an die frühen Brings erinnernde „Noh Hus“ mit seinem tollen mehrstimmigen Chorgesang und – last but not least – das grandiose „In d’r Rhing“. Für mich das beste Stück des Albums überhaupt. Vielleicht auch deshalb, weil hier das Kunststück gelungen ist, beim Thema Rhein nicht in die textliche Klischeefalle zu tappen. Das ist meines Wissens bisher nur Kasalla („Der Fluss“) und den gerade schon erwähnten Brings gelungen („Et ränt en d’r Rhing“). Was diese gegen den Strich gebürsteten Rhein-Lieder verbindet, ist ihre eher düstere Grundstimmung. Der Rhein kann einen eben auch in den Abgrund reißen, wie schon die Romantiker wussten. So ist es auch in diesem wunderbar „laid back“ gesungenen Eldorado-Song, der den Rhein gewissermaßen auf die Probe stellt: „Fängst du mich op, wenn ich jetzt falle dät?“ Die Antwort – und das finde ich regelrecht genial – gibt nicht der Text selbst, sondern das förmlich abhebende Gitarrensolo am Ende, das bei mir auch live für eine Gänsehaut gesorgt hat. Während der Wunsch zu fliegen sprachlich noch im Konjunktiv daherkommt („als künnt‘ ich fleeje“), übersetzt Brettner das Fliegen in Musik. Und der Rhein wird für eine sichere Landung sorgen. Und ist dann wieder der „Vater Rhein“, der seine Kinder beschützt. Dass sich im Solo Anleihen bei „Little Wing“ und „Sweet Child o‘Mine“ finden, mag Zufall sein. Aber es passt perfekt! Das ist alles richtig gut gemacht. Rheinwasser-Samples inklusive.

Nicht alle Songs erreichen inhaltlich das Niveau von „In d’r Rhing“. Manches bleibt letztlich bekannten Mustern verhaftet, auch wenn die Suche nach originellen sprachlichen Wendungen und Metaphern unüberhörbar ist. Positiv fällt da zum Beispiel das Cabrio-Motiv mit der „ahl Kassett em Radio“ auf, auch wenn man vielleicht darüber streiten kann, ob das Cruisen mit einer Spritschleuder in Zeiten von „Fridays for Future“ noch songtauglich ist. Für starke Bilder im Kopf und im Video sorgt es allemal. Und darum geht es hier.

Auch einer Band, die sich nicht auf Karneval reduzieren lassen will, sind textlich natürlich bestimmte vermarktungsstrategische Grenzen gesetzt. Dass man den Themenkreis Heimat-Liebe-Feiern aber durchaus deutlich erweitern kann, dafür sind Kasalla meiner Ansicht nach das beste Beispiel. Die haben sogar aus der „Poss vum Finanzamp“ einen Song gemacht. Oder sich mit „Fleisch un Bloot“ politisch eingemischt und ein eindrucksvolles Statement gegen Fremdenfeindlichkeit abgegeben. Das wäre heute wohl wichtiger denn je. Thematisch ist bei künftigen Produktionen also noch Luft nach oben. Musikalisch wird es hingegen gar nicht so leicht sein, das vorgelegte hohe Level zu halten.

In jedem Fall kann man Jürgen Hoppe und seinem neu gegründeten Label SpektaColonia, das lustigerweise auch meinen ehemaligen Bandkollegen und Ex-Räuber Torben Klein (z. B. „Mutter Erde“) unter Vertrag genommen hat, zur Verpflichtung von Eldorado nur gratulieren. Beim bisherigen Monopolisten Pavement-Records dürfte man jedenfalls schon Schnappatmung bekommen haben. Ich bin ziemlich sicher, dass Eldorado schon sehr bald aus dem Schatten der großen Namen heraustreten werden. Verdient hätten sie es.

Alles richtig gemacht, Simon!